Rav Uri Scherki
Zum Gebet -
Über die Gerechten
Übersetzung: Rafael Plaut
Der Segensspruch
"Al HaZadikim", "Über die Gerechten, und über die in
Liebe Hingegebenen, über die Ältesten deines Volkes, über den erhaltenen Rest
ihrer Gelehrten... gesegnet seist du, G~tt, Stütze und Vertrauensquell den
Gerechten", bedeutet ein Gebet für die Gerechten. Es deutet eine
besondere Gefahr an, der die Gerechten in dieser Welt ausgesetzt sind, und darum
müssen wir für sie beten.
Überhaupt scheint
der Talmud grundsätzlich die Krankheit eines jeden Durchschnittsgerechten
vorauszusetzen, wie es im Talmud heißt: "Rabbi Schimon ben Lakisch sagte:
Es gibt kein Fegefeuer in der zukünftigen Welt, vielmehr wird der Heilige,
gepriesen sei er, die Sonne aus ihrem Futterale hervorholen und sie glühen
lassen; die Frevler werden dadurch gerichtet werden und die Frommen dadurch
geheilt werden. Die Frevler werden dadurch gerichtet werden, denn es heißt: denn
fürwahr, der Tag [des Herrn] kommt, brennend wie ein Ofen; alle Übermütigen
und alle, die Frevel taten, werden dann Stoppeln sein etc. (Maleachi
3,19)... Die Frommen werden dadurch geheilt werden, denn es heißt: euch
aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen,
Heilung unter ihren Fittichen (ebda.20; Awoda sara
3b/4a). Daraus können wir den wunderlichen Schluß ziehen, wonach jeder normale
Gerechte krank sein muß. Natürlich ist hier nicht von einer körperlichen
Krankheit die Rede, denn die Frommen sind dem Gebot nach verpflichtet, auf einen
gesunden Körper zu achten. Ihre Krankheit rührt vielmehr daher, daß sie nach
Kriterien leben, die von der Welt widersprochen werden. Die heutige
Lebenswirklichkeit richtet sich nicht nach den für die Gerechten relevanten Maßstäben.
Darum sind die Gerechten krank in dieser Welt, und erst in der kommenden
Zukunft, wenn G~tt "die Sonne aus ihrem Futteral herausholt", d.h. die
Wahrheit vor den Augen der ganzen Welt offenbart, gerade dann werden die
Gerechten geheilt werden, und gerade dann werden die Frevler, die nicht nach
jenen Kriterien lebten, abgeurteilt.
Das also ist die
allgemeine Gefahr, in der sich die Gerechten alle Tage dieser Welt befinden. Nur
daß die Plazierung dieses Segensspruches ausgerechnet zwischen den Segenssprüchen
der Erlösung, zwischen "der die Zerstreuten seines Volkes Israel
einsammelt", "gib unsere Richter wieder wie zuvor", "über
die G~ttesleugner" und "den Erbauer Jerusalems" auf eine besondere
Gefahr hindeutet, die den Gerechten gerade im Zeitalter der Erlösung droht.
Der Grund dafür liegt in einer vom Übergang aus dem Exil (Galut) in das
Zeitalter der Erlösung (Ge'ula) verursachten Identitätskrise. In der
Galut bedeutete die individuelle Persönlichkeit des Gerechten (der
"Zadik") ein Brennpunkt jüdischen Lebens, doch im Zeitalter der Erlösung
wechseln wir von der Heiligkeit des Einzelnen zur Heiligkeit der Gemeinschaft über.
Wenn die Frommen versuchen, ihren Kriterien der Gerechtigkeit treuzubleiben, die
auf das Leben in der Galut abgestimmt sind, werden sie im Zeitalter der Erlösung
leiden. Rabbi Nachman von Bresslav erklärte den Begriff des "Gerechten,
dem es gut geht" (Brachot 7a): ein Gerechter, nach dessen Lehrmeinung das
Religionsgesetz (Halacha) entschieden wird, und den "Gerechten, dem
es schlecht geht" (ebda.), nach dessen Lehrmeinung das Gesetz nicht
entschieden wird. Wie kann es einen Gerechten geben, der sich nicht im Einklang
mit dem Gesetz befindet? Vielmehr paßt seine Lehrmeinung auf eine andere
Generation, und er versteht nicht die besonderen Bedürfnisse seiner eigenen
Generation. Und darum bestimmte die Tora für den Fall eines Zweifels in der
Auslegung der Tora, man solle zu dem Richter gehen, den es zu jener Zeit gebe.
Ist es denn möglich, zu einem Richter zu gehen, der vor 200 Jahren lebte?!
Vielmehr gehe man zu den Richtern seiner eigenen Generation, genauer gesagt zu
dem Gerechten jener Tage, der die besonderen Werte jener Generation kennt, denn
ein Gerechter, der nach den Maßstäben anderer Generationen lebt, muß zwangsläufig
leiden, denn das Gesetz wird nicht nach ihm entschieden, und alle, die ihm
nachfolgen, werden ebenfalls leiden, weil sie einem Stil der Gerechtigkeit anhängen,
der nicht dem Gesetz entspricht.
Darum beten wir ganz
besonders für die Gerechten im Zeitalter der Erlösung und bitten G~tt
"gib unser Anteil mit ihnen", genau jenen unseren Anteil, für den
sich die Gerechten einsetzen, um ihn auf eine höhere spirituelle Stufe zu
bringen, damit unser Anteil, den wir bei den Gerechten haben, vor G~tt zu liegen
kommt und uns als Verdienst angerechnet wird. Und möge G~tt den Gerechten
"eine Stütze" in der diesseitigen Welt, und "ein
Vertrauensquell" für die kommende Welt sein. |