Rav Uri Scherki
Zum Gebet -
Habe Wohlgefallen
Übersetzung: Rafael Plaut
Der Segensspruch (Bracha) "Habe
Wohlgefallen" bzw. "vom Tempeldienst" ist der erste einer Gruppe
von drei Brachot, die das Schmone-Esre Gebet abschließen, Brachot
der Preisung nach den Bittgebeten. Es ist bloß recht und billig, wenn ein
Mensch etwas von einem anderen erbittet - in diesem Fall von G~tt
höchstpersönlich - daß er sich dafür bedankt, was jener
bereits erfüllt hat. Wenn wir uns nur mit Bitten an G~tt wenden,
entstünde womöglich der Eindruck, alles auf seiner Welt sei
mangelhaft. Diesen Eindruck beseitigen wir am Ende des Gebetes, indem wir
verkünden, daß es beständige Dinge in dieser Welt gibt, die
keinen Änderungen unterliegen, und dafür danken wir G~tt aus vollem
Herzen.
Auf den ersten Blick sieht die Bracha "Habe
Wohlgefallen" gar nicht wie eine Lobpreisung aus, sondern doch eher wie
eine Bitte: "Habe Wohlgefallen, Ewiger, unser G~tt, an deinem Volke Israel
und ihrem Gebete, und bringe den Dienst wieder in das Heiligtum deines
Hauses" - alles im Stil einer Bitte. Wir bitten ganz einfach um die
Wiederherstellung des Tempeldienstes. Wenn es aber wirklich eine Bitte
wäre, hätte sie noch vor der Bracha "Höre unsere Stimme"
ihren Platz gehabt, mit der die Bittgebete endigen.
Darum geht es in dieser Bracha sicher um etwas
Beständiges, nämlich den Dienst im Tempel vor dem Hintergrund der
metaphysischen Wahrheit, der kosmischen Wahrheit und niemals aufgehört
hat, wie unsere Weisen in der Mischna "Sprüche der Väter"
sagten: "Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Tora, auf dem Opferdienst
und auf der Wohltätigkeit" (1.Kap.). Wenn man eines dieser drei Dinge
fortnimmt, kann die Welt nicht mehr bestehen. Darum müssen wir
zwangsläufig annehmen, die talmudischen Weisen wollten damit
ausdrücken, daß der Opferdienst auch dann nicht aufhörte, als
er offensichtlich nicht mehr möglich war. Dies erklärt der Midrasch,
den wir dem Tossafotkommentar (Menachot 110a) entnehmen: Seit der Tempelzerstörung
dient der Erzengel Michael als Hohepriester im Tempel der himmlischen
Sphären. Er bringt jeden Tag auf dem dortigen Altar die Seelen der
Gerechten dar. Das haben wir im Sinn, wenn wir die Worte "und die
Feueropfer Israels und ihr Gebet nimm in Liebe auf mit Wohlgefallen" sagen
- wer sind jene "Feueropfer Israels", um deren Annahme wir G~tt
bitten? Das sind die Seelen der Gerechten, die jeden Tag vor G~tt dargebracht
werden.
Diese Danksagung erfreut uns natürlich nicht
besonders. Wir würden viel lieber als die tägliche Darbringung der
Seelen der Gerechten auf dem himmlischen Altar die praktische Fortsetzung des
irdischen Tempeldienstes sehen, mit Tieropfern von Rind und Kleinvieh. Darum
fügen wir dieser Danksagung hinzu: "und bringe den Dienst wieder in
das Heiligtum deines Hauses". Nicht "richte ein" oder
"richte auf", sondern "bringe wieder" den Dienst, den
existierenden Dienst, der momentan auf der metaphysischen, himmlischen Ebene
stattfindet, nur daß wir darum bitten, diese verborgene Sache offen vor
unsere Augen zu bringen.
Aus diesem Grunde fügen wir auch hinzu:
"Und unsere Augen mögen schauen, wenn du nach Zion zurückkehrst
in Erbarmen", denn G~tt wirkt Wunder und Rettung an jedem einzelnen Tage,
besonders im Verlaufe der jüdischen Geschichte, ob wir sie sehen oder
nicht. Vielmehr beten wir darum, in der Stunde, wenn G~tt nach Zion
zurückkehrt, zu denen zu gehören, die wissen, diese Rückkehr zu
sehen, und nicht zu jenen, von denen es leider sehr viele gibt, denen es nicht
gelingt, die Hand G~ttes im Verlauf unserer Geschichte zu erkennen.
Es kann sein, daß an diesem Punkt die
Ansichten der späteren talmudischen Weisen (Amoräer)
auseinandergehen, wie es im Traktat Sanhedrin (98b) heißt: Auf der einen
Seite Ula und Raba, die nicht daran interessiert sind, das messianische
Zeitalter zu erleben, weil sie den schweren Prüfungen jenes Zeitalters
nicht standhalten würden, und auf der anderen Seite Rav Josef, der sagte:
Möge er [der Maschiach] doch kommen, und mir sei es beschieden, im
Schatten des Mistes seines Esels zu sitzen.
Wir beten darum, zu den Schülern von Rav Josef
zu gehören, der das Kommen des Maschiach erwartet, auch wenn man
dafür im Schatten des Mistes seines Esels sitzen muß. Möge er
nur schon kommen! Und wir werden dann von denen sein, deren Augen schauen, wenn
der Heilige, gelobt sei er, seine Präsenz nach Zion in Erbarmen
zurückbringt.
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